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Dienstag, 15. Januar 2008
Donnerstag, 6. September 2007
Pavarotti
Gestern ist Pavarotti gestorben. Pavarotti! Der Mann ist eine Legende. Schon seit mindestens 50 Jahren. Okay, er wurde 71, das ist nicht wirklich schlecht, für jemanden, der angeblich drei Portionen Pasta zum Frühstück und das Dreifache zum Mittag reinfuhr. Aber andererseits, der Mann war wirklich einmalig. Nessun dorma', wer könnte da mithalten! Darf so jemand überhaupt sterben?
Ich sehe sein Gesicht in den Nachrufbildern im Fernsehen und habe ein seltsames Gefühl. Unwirklich? Ungläubig? Traurigkeit?
Wenn jemand vom Kaliber eines Pavarottis stirbt, mit diesem Talent – dann ist Talent auch nur eine Zeiterscheinung; ist dann die Kunst, die daraus entsteht, auch nur eine Zeiterscheinung? Nein, es gibt ja Konserven, CDs, Platten, MP3s, Rettung für die Ewigkeit.
Okay, bei Bildern mag das stimmen, bei Skulpturen oder Literatur. Auch bei Musik?
Musik hat vier Dimensionen, die Vierte ist die Zeit die wir mit ihr verbringen. Sie entwickelt sich durch unsere Ohren in unsrem Hören Stück für Stück, Sekunde für Minute für Stunde. Eine Aufnahme hält sie an, wie ein Schnappschuss. Die Zeit bleibt stehen. Die Musik auch. Wir können sie uns zwar immer wieder anhören, aber sie wird uns niemals mehr überraschen.
Pavarotti. Ich gucke in dies Gesicht und spüre etwas: Bewunderung, Neid, Bedauern, Mitleid. Hatte er ein schönes Leben? Wollte er das alles? Hatte er Freunde, obwohl er weltberühmt war. Popelte er in der Nase?
Was ist jetzt mit der Lücke, die entsteht, wenn so einer geht. Gibt es die überhaupt? Oder haben wir uns bloß aus Faulheit nie dafür interessiert, ob es nicht schon Nachfolger gibt, solange es ihn gab? Wie viele Lücken gab es wohl in der Geschichte, die wir heute absolut nicht mehr spüren, von der wir definitiv nichts mehr wissen. Caruso – vermisst den jemand, oder Mario Lanza? Wahrscheinlich sterben die Vermisser mit den Idolen.
Darüber muss ich mal richtig nachdenken…
Dienstag, 28. August 2007
What is Nihilit?
Nihilit
© 1947 Kurt Kusenberg
Ein Mann namens Rotnagel erfand einen neuen Klebstoff, der sehr vertrauenswürdig aussah und nach Oleander duftete; viele Frauen bedienten sich seiner, um angenehm zu riechen. Gegen diese Unsitte kämpfte Rotnagel heftig an - er wünschte, daß seine Erfindung sinngemäß verwendet werde. Gerade das aber bot Schwierigkeiten, denn der neue Klebstoff klebte nichts, jedenfalls nichts Bekanntes. Ob Papier oder Metall, Holz oder Porzellan - keines von ihnen haftete am gleichen oder an einem fremden Material. Bestrich man einen Gegenstand mit dem Klebstoff, so glitzerte dieser vielversprechend, aber er klebte nicht, und darauf kam es ja eigentlich an. Trotzdem wurde er viel benutzt, weniger aus praktischen Gründen, sondern wegen des herrlichen Oleanderduftes.
Rotagel war kein Narr. Er sagte sich: ein Klebstoff, der nichts klebt, verfehlt seinen Zweck; es muß also etwas erfunden werden, das sich von ihm kleben läßt. Sicherlich wäre es einfacher gewesen, die Erzeugung einzustellen oder seinen Mißbrauch durch die Frauen hinfort zu dulden, doch der bequeme Weg ist verächtlich. Darum gab Rotnagel drei Jahre seines Lebens daran. einen Werkstoff zu entdecken, der sich von dem Klebstoff kleben ließ, allerdings nur von diesem.
Nach langem Überlegen nannte Rotnagel den neuen Werkstoff Nihilit. In der Natur kam Nihilit nicht rein vor, man hat auch nie einen Stoff finden können, der ihm von ferne glich; es wurde mit Hilfe eines überaus verwickelten Verfahrens künstlich erzeugt. Nihilit hatte ungewöhnliche Eigenschaften. Es ließ sich nicht schneiden, nicht hämmern, nicht bohren, nicht schweißen, nicht pressen und nicht walzen. Versuchte man dergleichen, so zerbröckelte es, wurde flüssig oder zerfiel zu Staub; manchmal freilich explodierte es. Kurzum, man mußte von jeder Verarbeitung absehen.
Für Zwecke der Isolation kam Nihilit nicht recht in Frage, weil es sehr unzuverlässig war. Bisweilen isolierte es Strom oder Wärme, bisweilen nicht; auf seine Unzuverlässigkeit konnte man sich allerdings verlassen. Ob Nihilit brennbar sei, blieb umstritten; fest stand nur, daß es im Feuer schmorte und einen ekelhaften Geruch verbreitete. Dem Wasser gegenüber verhielt sich Nihilit abwechslungsvoll. Im allgemeinen war es wasserfest, doch kam auch vor, daß es Wasser gierig in sich aufsog und weitergab. Ins Feuchte gebracht, weichte es auf oder verhärtete, je nachdem. Von Säuren wurde es nicht angegriffen, griff aber seinerseits die Säuren heftig an.
Als Baumaterial war Nihilit schlechterdings nicht zu gebrauchen. Es stieß Mörtel geradezu unwillig ab und faulte, sobald es mit Kalk oder Gips beworfen wurde. Dem erwähnten Klebstoff war es gefügig, doch was half das bei der Neigung zu plötzlichem Zerfall? Wohl ging es an, zwei Stücke Nihilit so fest aneinanderzukleben, daß sie untrennbar wurden, aber das führte auch nicht weiter, denn das nun größere Stück konnte jeden Augenblick zerbröckeln, wenn nicht gar mit lautem Getöse zerspringen. Deswegen sah man davon ab, es im Straßenbau zu verwenden.
Aus den Zerfallserscheinungen des Nihilits wiederum war kaum etwas zu profitieren, weil keinerlei Energien dabei frei wurden. Zu wiederholten Malen wurde festgestellt, daß der neue Werkstoff sich nicht aus Atomen zusammensetzte; sein spezifisches Gewicht schwankte ständig. Nihilit hatte, das sei nicht vergessen, eine widerliche Farbe, die dem Auge weh tat. Beschreiben kann man die Farbe nicht, weil sie keiner anderen vergleichbar war.
Wie man sieht, wies Nihilit im Grunde wenig nützliche Eigenschaften auf, doch ließ es sich mit Hilfe des Klebstoffs kleben, und dazu war es ja erfunden worden. Rotnagel stellte den neuen Werkstoff in großen Mengen her, und wer den Klebstoff kaufte, erwarb auch Nihilit. Obwohl die Explosionsgefahr nicht gering war, lagerten viele Menschen ansehnliche Bestände bei sich ein, denn sie liebten es, mit dem Klebstoff umzugehen, weil er so herrlich nach Oleander duftete.
Stress
Stress hat jeder. Seit Jahren wird nach den Ursachen geforscht, es fehlen trotzdem richtig überzeugende Ergebnisse. Ohne genau den Anfang bestimmen zu können, merken wir, wie uns eine innere Unruhe, Anspannung befällt, die manchmal schleichend manchmal blitzartig ansteigt. Alles kann Stress auslösen: Partnerschaft, Familie, Freunde, Beruf, Sport, Essen, Denken, Telefonieren, Behörden, Autoverkehr und vieles mehr. Sogar Urlaub ist durchaus stressig, wenn wir ihn verkehrt angehen. Genau genommen ist das Leben selbst zumindest zu einem Teil reiner Stress.
Gibt es denn eine Gemeinsamkeit bei all den verschiedenen Stressmomenten? Wenn man ein wenig drüber nachdenkt, ist die Antwort leicht: die Zeit! Sie gibt Ziele, Deadlines, Plänen und Projekten ein konkretes und oftmals drohendes Ende. Irgendetwas muss erledigt, geklärt, gebaut, besprochen, entworfen oder überwunden werden; wir merken, dass unsere Kräfte möglicherweise nicht ausreichen, zumindest nicht im vorgegebenen Zeitrahmen, können aber auch nicht einfach hinschmeißen. Das Ergebnis ist erwartungsgemäß steigender Druck und am Ende mörderischer Stress. Unser Feind ist nun die Uhr, denn sie tickt unerbittlich die Sekunden bis zum Moment unseres Scheiterns hinunter. Wir verkrampfen, was alles noch schwieriger macht und versagen am Ende fast zwangsläufig.
Die Uhr ist das Synonym der Zeit, gäbe es sie nicht, hätten wir auch keinen Stress. Anders gesagt, ohne Zeitmessung hätten wir viele Probleme gar nicht.
Man kann das sehr einfach selbst probieren. Erster Schritt: alle Uhren abhängen, ablegen, wegschließen. Fernsehen und Radio ausschalten, Terminplaner zuklappen, alles was die Zeit rastert, aus dem Sichtfeld verbannen. Nach einer Weile, in der wir vielleicht noch darüber nachdenken, wie spät es wohl gerade ist, wird die gemessene Zeit immer unwichtiger und die gefühlte Zeit gewinnt an Bedeutung. Die gefühlte Zeit ist unsere Zeit. Sie gehört uns und ist genauso individuell, wie unser Fingerabdruck. Jeder Mensch fühlt einen anderen Rhythmus und sich nur wohl, wenn er danach leben kann. Dabei kommt es gar nicht darauf an, ob wir gerade relaxen oder voll in Action sind. Die Basis unseres Seins, ist unser eigener Rhythmus, unsere innere Uhr.
Darum fühlen wir auch jedesmal Stress, wenn wir aus diesem Rhythmus heraus müssen. Und je mehr wir das müssen, umso schlimmer wird er. Es gibt leider viele Menschen, die glauben, ihr Rhythmus sei der einzig richtige und wollen alle anderen ‚bekehren'. Was ersten sinnlos und deshalb zweitens ziemlich idiotisch ist. Am leistungsfähigsten sind wir alle, wenn wir das, was wir tun (müssen), in unserem eigenen Takt tun (dürfen). Wenn man uns also zu einem falschen, ungesunden Rhythmus zwingen will, sollten wir also durchaus Widerstand leisten. Letztlich kommt das allen zugute, denn ausgeglichene Menschen führen keine Kriege, streiten nicht und sind offen für kreative Gedanken. Und genau das wollen wir schließlich alle, oder?
Helden wie wir?
Ich trinke einen Jägermeister
Und wecke alle guten Geister,
die in mir drin.
Jetzt könnt' ich Heldentaten tun,
Doch das muss ruh'n,
weil ich besoffen bin!